Statistiken und die gravierendsten Vorfälle 2019

Statistiken

Vorfälle des Jahres 2019

Verteilung der Online-Fälle

Die folgende Tabelle zeigt, woher die Online-Vorfälle stammen. Dabei ist zu beachten, dass bei den Medien («Blick», «20 Minuten», «Tages-Anzeiger» usw.) nur diejenigen Vorfälle gezählt werden, die auf der Website der jeweiligen Zeitung in den Kommentarspalten beobachtet wurden. Kommentare zu den auf der Facebook-Seite der Zeitungen geposteten Artikel zählen zur Kategorie «Facebook».

Aufgrund personeller Ressourceneinschränkungen konzentriert sich die Beobachtung innerhalb der sozialen Medien vor allem auf die zwei grossen Plattformen Facebook und Twitter. Aus der unten stehenden Tabelle lässt sich also nicht schliessen, dass auf anderen Plattformen (z. B. Instagram) kein Antisemitismus vorkommt.

Im Vergleich zum Jahr 2018 stammen auch 2019 wieder 90 Prozent der Online-Fälle von Twitter und Facebook. Bei den Zeitungen kam es erneut in den Kommentarspalten der «Basler Zeitung» zu den meisten antisemitischen Aussagen, jedoch waren es deutlich weniger als 2018. Viele antisemitische Aussagen waren neu 2019 in den Kommentarspalten des «Tages-Anzeiger» zu finden, die jedoch fast alle auf einen Artikel zurückzuführen sind.

 

Tabelle grenzwertige Fälle des Jahres 2019:

Die grenzwertigen Fälle werden für die Gesamtzahl der antisemitischen Vorfälle 2019 (Handlungen, Zusendungen und Online) nicht mitgezählt. Sie werden jedoch im folgenden Kapitel «Trigger» mitberücksichtigt, weil ein Trigger nicht nur Auslöser für antisemitische Vorfälle, sondern auch für grenzwertige Fälle ist.

 

Trigger

Als Trigger werden Anlässe oder Ereignisse bezeichnet, die für einen begrenzten Zeitraum eine massiv höhere Anzahl an antisemitischen Vorfällen und grenzwertigen Fällen zur Folge haben. Dies kann auf internationale (etwa im Zusammenhang mit dem Facebook 30.3% Twitter 60.4% Jodel 0.4% BaZ 2.7% Blick 0.2% 20min 0.4% WoZ 0.2% Tagi 2.7% Watson 1.2% Diverses 1.6% Verteilung Online 30.3 % 60.4 % 17 Nahen Osten) oder auf nationale Gegebenheiten (lokale Abstimmungen, Gerichtsprozesse usw.) zurückzuführen sein oder auf Medienberichte dazu.

Im folgenden Diagramm werden alle Vorfälle und grenzwertigen Fälle auf die jeweilige Kalenderwoche verteilt dargestellt. So wird ersichtlich, dass es im Berichtsjahr immer wieder zu Spitzen gekommen ist. Diese Spitzen lassen sich grösstenteils einem oder mehreren Triggern zuordnen.

  • Spitze in der Kalenderwoche 2: In dieser Woche wurde zwar eine grössere Anzahl an antisemitischen Vorfällen und grenzwertigen Fällen verzeichnet, es liegen jedoch keine Trigger vor. Es handelt sich dabei also um eine zufällige Anhäufung.
  • Spitze in der Kalenderwoche 9: Am 26. Februar erschien im «Blick» ein Artikel über das Urteil gegen den Rechtsextremen Kevin G., der einen orthodoxen Juden angegriffen hatte. Dies führte auf der Facebook-Seite der Zeitung zu zahlreichen grenzwertigen und antisemitischen Kommentaren. Am 27. Februar veröffentlichte die CICAD ihren Antisemitismusbericht für die Westschweiz. Die Berichterstattung darüber führte ebenfalls vermehrt zu antisemitischen Kommentaren.
  • Spitze in der Kalenderwoche 12: Die Medienberichterstattung über den am 21. März veröffentlichten Antisemitismusbericht des SIG und der GRA triggerten eine grössere Zahl an antisemitischen Online-Kommentaren.
  • Spitzen in der Kalenderwoche 13: Ein auf der FacebookSeite des «Blick» veröffentlichter Artikel über aus dem Gazastreifen abgefeuerte Raketen löste eine grössere Zahl an grenzwertigen und antisemitischen Kommentaren aus.
  • Spitze in der Kalenderwoche 14: Diese grösste Spitze des Berichtsjahres wurde durch einen grossen und einen kleinen Trigger ausgelöst. Der grosse Trigger ist ein Artikel über einen jungen Mann, der sich entschieden hatte, nicht mehr Teil der streng religiösen jüdischen Gemeinschaft in Zürich zu sein. Der kleine Trigger ist die Ankündigung des israelischen Premierministers Netanyahus, das Westjordanland annektieren zu wollen. Diese zwei Trigger plus die Vorfälle ohne eindeutigen Zusammenhang führten zur grossen Anzahl von 30 grenzwertigen und antisemitischen Vorfällen innert einer Woche.
  • Spitze in der Kalenderwoche 17: Diese wurde durch die Debatte um die Übernahme von Sicherheitskosten jüdischer Institutionen durch Bund und Kantone ausgelöst. Die Berichterstattung darüber triggerte online diverse Kommentare.
  • Spitze in der Kalenderwoche 25: In dieser Woche wurden zwar mehr antisemitische Vorfälle und grenzwertige Fälle verzeichnet als in den vorherigen und nachfolgenden Wochen, es liegen jedoch keine Trigger vor. Es handelt sich dabei also um eine zufällige Anhäufung.
  • Spitze in der Kalenderwoche 37: Ähnlich wie in den Wochen 2 und 25 lässt sich diese Spitze nicht durch einen oder mehrere Trigger erklären. Es liegt eine zufällige Häufung an antisemitischen Vorfällen und grenzwertigen Fällen vor.
  • Spitze in der Kalenderwoche 41: Am 9. Oktober fand im deutschen Halle das Attentat auf die Synagoge während des Feiertags Jom Kippur statt. Die Berichterstattung darüber löste auch sehr viele antisemitische Kommentare aus.
  • Spitze in der Kalenderwoche 52: Diese ist auf die Berichterstattung über das neue Album der rechtsextremen Band „Amok“ zurückzuführen. In einem der Lieder wird der Angriff von Kevin G. auf einen orthodoxen Juden im Jahr 2015 verherrlicht.

Die Analyse in diesem Kapitel zeigt, dass eine Häufung antisemitischer Vorfälle auch von Angriffen auf Juden und generell antisemitischen Vorfällen ausgelöst werden kann. Während solche Vorfälle bei vielen Menschen eine Reaktion der Empathie auslösen, können sie bei anderen Personen das Gegenteil bewirken. Diese werden von Angriffen auf Juden erst recht dazu angespornt, sich antisemitisch zu äussern. Weitere Analysen zu den Triggern im Online-Bereich befinden sich im Unterkapitel «Antisemitismus Online» in der Analyse.

 

Die gravierendsten Vorfälle

Beschimpfungen/Aussagen:

  • Im Juni wurde ein junger Mann mit Kippa an einer Bushaltestelle in Zürich antisemitisch beschimpft.
  • Während eines Streits auf einem Parkplatz in Zürich im Juli sagte eine Frau zu ihrem Mann: «Hör auf, mit ihr zu reden, das bringt doch nichts. Sie ist eine Jüdin, und mit solchem Pack geben wir uns doch nicht ab.»
  • Im Juli wurde einer jüdischen Familie, die eine Ferienwohnung mieten wollte, am Telefon von der Vermieterin gesagt, dass sie nicht mehr an Juden vermieten würden.
  • Im August wurde in Richtung mehrerer jüdischer Touristen aus England an der Talstation einer Bergbahn gesagt: «Ich hasse diese Leute wie die Pest», «Schade hat Hitler nicht länger gelebt» und «Die vermehren sich und vermehren sich und füllen die ganze Welt».
  • Der Hauswart eines Hotels in einem Touristenort echauffierte sich über die zahlreichen Autos jüdischer Gäste auf dem Parkplatz, die ihn seiner Meinung nach beim Arbeiten behindern würden. Auf Nachfrage, ob ein Problem bestehe, sagte der Abwart: «Ja, die müsste man alle …», und zeigt mit der Hand einen Kehlenschnitt.
  • In einer Rekrutenschule wurden die Soldaten angehalten, Witze zu erzählen. Viele davon waren antisemitisch, was von den anwesenden Offizieren toleriert wurde. Auch sonst wurden viele antisemitische Sprüche geäussert. Ein jüdischer Soldat brach deswegen die RS nach wenigen Wochen ab und meldete die Vorfälle dem SIG, der die Verantwortlichen bei der Armee kontaktierte. Die Armee nahm die Vorfälle in der Folge sehr ernst und leitete umgehend eine Untersuchung ein.
  • Vor einem Betlokal in Zürich schrie im November ein Mann die anwesenden Juden an und rief unter anderem: «Ich bringe alle Juden um!»
  • Die rechtsextreme Band «Amok» veröffentlichte im Dezember ein neues Album. In einem Lied wird der Angriff auf einen orthodoxen Juden in Wiedikon durch den Rechtsextremen Kevin G. beschrieben und verherrlicht. Juden werden als Nilpferde bezeichnet, die zum Abschuss freigegeben sind. Sich selbst bezeichnet die Band als Nilpferdjäger, die bald wieder auf die Jagd gehen würden.

Zuschriften:

  • An eine Familie, die schon mehrmals antisemitische Post erhalten hatte, wurde im März eine Karte mit dem Bild Hitlers geschickt. Die Botschaft auf der Rückseite lautete: «Morgen komme ich mit meinem Onkel Adolf zum Kaffee vorbei!»
  • Im März erhielt der SIG nach Veröffentlichung des Antisemitismusberichts eine E-Mail, in welcher der Antisemitismus bedauert wird, gleichzeitig forderte der Verfasser aber den SIG auf, sich von den Glaubensbrüdern zu distanzieren, die den Genozid der Völker Europas wollen. Er vertritt die «Replacement Theory».
  • In einer E-Mail an diverse Politiker, Medien und den SIG wird Roger Schawinski mehrmals als «Judensauhund» betitelt. Ihm wird angedroht, ihm die Zunge herauszuschneiden und seine Familie zu töten, wenn er sich in den US-Wahlkampf einmischen sollte.

Auftritte:

  • Im Februar verkleideten sich an einer Schulfasnacht einer Kantonsschule mehrere junge Männer als stereotypische Juden mit Bärten, Zylindern, dicken Brillen und DollarZeichen-Anhängern. Zwischenzeitlich trugen sie auch einen Judenstern.

Schmierereien:

  • Im Januar wurden mehrere Autos, von denen anzunehmen war, dass sie jüdische Besitzer haben, mit Davidsternen und Hakenkreuzen beschmiert.

Online:

  • Inhaltlich am gravierendsten waren antisemitische Kommentare als Reaktion auf das Attentat in Halle sowie auf den Angriff auf Juden in New York. Darin wurden die Juden durch ihr angebliches Handeln oder durch die Politik Israels selbst dafür verantwortlich gemacht, dass es Antisemitismus und Angriffe auf Juden gibt.
  • Auf einem Facebook-Profil steht unter «Lieblingszitat»: «Nur ein toter Jude ist ein guter Jude».
  • In einem Monat war eine Einzelperson allein für 27 antisemitische Kommentare verantwortlich. Dabei wurde auch die Schoah geleugnet.

Download PDF-Version des Antisemitismusberichts 2019